Wie dieses Manuskript zustande kam

auf der schwierigen Suche nach meiner Herkunft

 

Es ist Hochsommer 2005, im tiefen Süden der USA in Georgia, wo ich wohne ist eine Hitzewelle zugange, es ist schon lange nach Mitternacht und ich kann nicht schlafen weil die Beine kribbeln, sie fühlen sich an als ob das Blut in den Venen kocht, es ist immer noch so heiss in der Wohnung weil die Klimaanlage nicht richtig funktioniert, ich stehe auf und trinke ein Glas Wasser. Da mein Mann Nachtschicht arbeitet fühle ich mich einsam und gehe ins Wohnzimmer zum Schrank um ein angefangenes Buch weiterzulesen bis ich wieder müde werde. Da fällt mein Blick auf die Urne mit der Asche meiner Mutter und wieder einmal wie so oft überfällt mich namenlose Wut und zugleich auch Trauer, und die so oft gestellte Frage warum -warum, frage ich laut - hast du mich angelogen wann immer ich dich fragte wer mein Vater ist, und ich höre in Gedanken ihre letzten Worte kurz bevor sie starb - „lasse mich in Ruhe.“ Da nun an Schlaf nicht zu denken ist setze ich mich an den Computer und gebe eine Suchanzeige im Ostpreussenblatt auf, das mache in regelmässigen Abständen schon seit Jahren. Es ist immer die gleiche Anzeige wo ich nach Menschen suche, die im gleichen Lager 7533 wie meine Mutter in Pr. Eylau/Ost preussen nach dem Krieg waren. Nie habe ich eine positive Antwort auf eine dieser Anzeigen erhalten doch dieses mal sollte es anders kommen. Einige Tage nachdem die Anzeige erschienen war erhielt ich eine email von Carola S. aus Magdeburg mit Informationen die danach ein Steinchen nach dem anderen ins Rollen brachten und mein Leben für immer verändern sollten.

Wer bin ich, wo komme ich her, wer ist mein Vater, diese Frage hat mich schon als kleines Kind sobald ich alt genug war um zu verstehen das für mich kein Vater da war beschäftigt und ich leide bis heute darunter.

Meine Mutter hat mir nie etwas über meine wahre Herkunft gesagt. Fragen nach meinen Vater hat sie immer abgeblockt und mich glauben lassen, dass ich einen deutschen Vater Fritz K. habe, den sie im Lager 7533 in Pr. Eylau, wo sie von 1945 - 48 interniert war, kennengelernt und auch geheiratet hatte. Auf meine bohrenden Fragen warum er nicht bei uns ist antwortete sie, dass die Russen sie getrennt hätten, er wurde in ein anderes Lager nach Tilsit verlegt und gilt seither als vermisst. Diese Geheimnistuerei machte mich schon als kleines Kind sehr neugierig und der abwesende Vater war dadurch immer gespenstisch anwesend in meinen Gedanken und ich fragte mich immer warum habe ausgerechnet ich keinen Vater und warum erzählt meine Mutter nicht mehr von ihm.

Ich habe unbewusst immer geahnt das Fritz K. nicht mein Vater sein kann, und manchmal kam mir auch der ungeheure Verdacht wenn ich mal wieder durchgeprügelt wurde das mir Hören und Sehen verging, dass meine Mutter gar nicht meine Mutter sein kann - denn ich sehe ganz anders aus als sie, (blonde Haare und blaue Augen) und so wie mir meine Mutter ihren Mann beschrieben hat (auch blonde Haare und blaue Augen). Ich habe einen leicht asiatischen Einschlag, auch eine ganz andere Haarstruktur, dunkelbraune Haare und grüne Augen, ich wunderte mich sehr, dass ich so fremdländisch (wie ich es bezeichnete), aussah und nicht so wie die anderen Kinder in meinem Dorf in dem ich aufgewachsen bin.

Ein anderes rätselhaftes Ereignis war dieses geheimnisvolle Internierungslager in Pr. Eylau wo meine Mutter drei Jahre lang von 1945 - 1948 gefangen war, davon erzählte sie mir schon als ich ungefähr drei Jahre alt war, keine Details, aber ich wusste das sie drin war, auf den Tod an Typhus erkrankte und überlebt hat. Dann hatte sie vor mir noch andere Kinder gehabt, im Lager wurde sie von einem russischen Soldaten schwanger, ob es eine Vergewaltigung war weiss ich nicht, sie erwartete Zwillinge im Jahre 1946. Als ein Abtreibungsversuch misslang wurden die Babies geboren. Mein Bruder und Schwester sind drei Tage nach der Geburt gestorben und wurden in Papiersäcken wie Müll entsorgt und irgendwo in ein Massengrab geworfen.

In dieser schweren Zeit hatte meine Mutter unglaubliches Glück durch ein Arztehepaar das für die ärztliche Betreuung der Gefangenen zuständig war, es handelte sich um den russisch/jüdischen Sanitätsmajor Dr. Agav und dessen Ehefrau, die gleichfalls Sanitätskapitän war, beide stammten aus Odessa und leisteten Geburtshilfe als bei meiner Mutter die Wehen früher als erwartet einsetzten, dafür mussten sie einen geplanten Urlaub verschieben.

Meine Mutter arbeitete auch als Schneiderin für die Dr. Agav Familie privat. (Dr. Wolf, ein deutscher Arzt der nach dem Krieg auch eine kurze Zeit im gleichen Lager war wie meine Mutter und da als Arzt gearbeitet hat, schrieb in seinem Buch "ich sage die Wahrheit oder ich schweige" ein Kapitel über Arzt Kapitänin Maria Iwanowna, in diesem Kapitel erwähnt er, dass er für den Arzt Dr. Agav gearbeitet hat, (dieses Buch wurde mir von einem Freund im Jahr 2006 zugesandt und war eines der Beweismittel für mich, dass meine Mutter die Wahrheit sagte und dieses Lager tatsächlich existierte. Richtig erstaunt war ich darüber, dass meine Mutter und Dr. Wolf für den gleichen Arzt gearbeitet hatten)

Mein Leben lang habe ich immer wieder Bücher gelesen und Filme angeschaut über den 2 Weltkrieg und wie die Russen Ostpreussen eingenommen haben, nirgendwo habe ich den kleinsten Hinweis gefunden über das Lager 7533 in Pr. Eylau, aber ich dachte immer das es doch noch andere Überlebende geben muss als meine Mutter. Es hat mir keine Ruhe gelassen und Anfang der 90ger Jahre als meine Mutter schon gestorben war habe ich von Zeit zu Zeit eine Anzeige im Ostpreussenblatt aufgegeben wo ich nach Menschen suchte, die auch in diesem Lager waren.

Hier an diesem Punkt kommt die am Anfang erwähnte Antwort auf meine Suchanzeige im Ostpreussenblatt von Carola S. aus Magdeburg ins Spiel, und wie es danach weiterging.

Sie schrieb mir, dass sie und ihre Familie aus Königsberg stammt und das sie mit ihrer Mutter, Schwester und Oma genau in diesem Lager in Pr. Eylau war zur gleichen Zeit wie meine Mutter, von 1945 bis 1948. Dann kam noch etwas Unglaubliches, sie schrieb mir sie kennt einen pensionierten Lehrer, H. Montkowski aus Neubrandenburg. Herr Montkowski, würde schon seit Jahren regelmässig seine alte Heimatstadt besuchen, und war auch schon in diesem Lager drin gewesen. Sie gab mir die Telefon Nummer und ich habe ihn daraufhin sofort angerufen, er hat mir bestätigt dass er in dieses Lager hineindurfte und sich umschauen konnte, hätte Bilder gemacht und wollte mir gleich Kopien davon schicken. Nach dem Telefongespräch fühlte ich mich wie in Feuer und Eis getaucht und konnte mich tagelang nicht mehr beruhigen vor lauter Aufregung, endlich hatte ich den Anhaltspunkt in der Hand wonach ich jahrelang erfolglos gesucht hatte, das Todeslager wo mein Leben entstanden ist.

Wir drei standen nun in regelmässiger Verbindung und Herr Montkowski sagte mir, dass er einen Artikel über dieses Todeslager geschrieben hat, er wurde bei verschiedenen Zeitungen vorstellig, u.a. auch beim Ostpreussenblatt, aber niemand war an einer Veröffentlichung interessiert. Daraufhin machte ich ihm den Vorschlag es hier in den USA zu versuchen, durch die Hilfe von meinem Mathematiklehrer, Herr Smith, (ich war zu diesem Zeitpunkt ein Student im Savannah Technical College), fand ich ein Militärmagazin das sich für den Artikel interessierte. Der Titel lautete „Camp 7533“ und wurde im „Military International“ im Februar 2006 hier in den USA veröffentlicht. Herr Montkowski schrieb den Artikel und ich habe diesen in die englische Sprache übersetzt, mein Englisch Literatur Lehrer, Dr. Hughes, hat die englische Grammatik korrigiert.

Nach der Veröffentlichung kam in mir der brennende Wunsch auf das ich einmal in meinem Leben mit meinen Füssen auf ostpreussischer Heimaterde stehen wollte im Land meiner Vorfahren und Familie. Vor allen Dingen wollte ich nach Königsberg und in das Todeslager in Pr. Eylau. Wir drei, Fr. S. aus Magdeburg, Herr Montkowski aus Neubrandenburg und ich aus USA wollten diese Reise zusammen antreten. Alles wurde generalstabsmässig geplant und organisiert von meinen Freunden in Deutschland. Quartier besorgte uns Herr Montkowski in Pr. Eylau bei seinem russischen Freund Wladimir. Ende Juli 2007 flog ich nach Berlin, von da aus ging es nach Magdeburg zu Fr. S. Von Magdeburg aus fuhren wir mit dem Reisebus über Polen in das ehemalige Ostpreussen, Herr Montkowski ist in Berlin in den Bus zugestiegen. Der Reisebus kam aus Hannover und war voll mit Russen besetzt, wir drei waren die einzigen deutschen Passagiere an Bord. Wir mussten noch in Berlin auf einen Anschlussbus warten der drei Stunden Verspätung hatte. Als er endlich ankam mussten wir alle umsteigen, ein Bus fuhr nach Moskau, der andere nach Königsberg. Die beiden Busfahrer waren Russen und sprachen kaum Deutsch. Es wurden wenige Pausen gemacht. Diese Fahrt werde ich mein Leben lang nicht vergessen, wir sind 12 Stunden durch Polen gerumpelt über historische alte Schlaglöcher und ich habe jede Sekunde davon genossen, im vorbeifahren sah ich zum ersten mal das frische Haff wo tausende von ostpreussischen Flüchtlingen bei der Flucht umgekommen sind, dann endlich war ich am Ziel meiner Träume angekommen, ich war tatsächlich in Königsberg, (am Busbahnhof) der geliebten Heimatstadt meiner Mutter.

Wir wurden von Slava, einem russischen Freund von Herrn Montkowski schon erwartet und danach ging es erst mal zu ihm in die Wohnung in der Nähe vom Bahnhof zum Tee trinken, danach wurden wir zu unserem Quartier in Pr. Eylau gefahren, zu Wladimir und seiner Frau Valentina. Die wohnten in einem alten deutschen Siedlungshaus wo sie sich schön hergerichtet haben. Wladimir erledigte die nötigen Formalitäten, wir brauchten eine spezielle Aufenthaltsgenehmigung für Pr. Eylau weil es im Sperrgebiet/Grenzgebiet zu Polen liegt. Dann besorgte uns Wladimir noch einen ganz besonderen Passierschein fȕr das Todeslager wo wir alle hinwollten. Nach drei Tagen war alles geregelt und wir konnten in das Lager hinein.

Ja und dann war der Moment da auf den ich mein Leben lang gewartet hatte, der Ort wo meine Mutter mit tausenden von anderen Menschen so unsäglich gelitten hat und wo mein Leben durch Gewalt entstanden ist. Meine Gefühle waren unbeschreiblich. Dieses Lager ist ein riesiger Komplex, eine ehemalige deutsche Infanteriekaserne am Warschkeiter See, war bis vor kurzem vom russischen Militär belegt und ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Unser Gastgeber Wladimir kannte den Sicherheitschef von der Kaserne und nur dadurch hatten wir Zugang zu diesem Lager. Als erstes betraten wir ein Gebäude wo wir nur einen Raum betreten durften, eine Art Museum wo man Informationen über dieses Lager vor dem Krieg an der Wand anschauen kann, im Nebenraum hing ein Riesenölbild von Lenin an einer Wand. Dieses war das einzige Gebäude wo wir hineingehen durften. Danach übernahm der Sicherheitschef persönlich die Führung und führte uns im ganzen Lager herum. Während der Führung kamen wir an den Gebäuden vorbei in denen die Frauen und Kinder untergebracht waren, und auch am Krankenhausgebäude wo meine Mutter auf den Tod lag und fast an Typhus gestorben wäre, der Kreis hatte sich geschlossen.

Diese Reise wird mir immer in Erinnerung bleiben, vor allen Dingen meine erste Begegnung mit den russischen Menschen. Ich hatte immer noch das russische Feindbild vor Augen aus den Tagen vom eisernen Vorhang und des kalten Krieges, und nun wurde ich aufgenommen wie ein Familienmitglied von den russischen Freunden von Herrn Montkowski. Jeden Tag wurde etwas anderes angeschaut in Königsberg, mit Hilfe von unserem Gastgeber fand ich sogar die Strasse und das Haus wo meine Mutter zuletzt in Königsberg gewohnt hatte in der Hans Sagan Str.. Es war unglaublich. Die 10 Tage vergingen viel zu schnell.

Als ich wieder in Deutschland war bin ich nach Lahr gefahren wo ich einmal zuhause war. Kurz vor meiner Abreise nach den USA hat mich meine Freundin Bärbel (die Tochter von der Freundin meiner Mutter), zum Essen eingeladen. Mitten beim Essen sagte sie mir dann das meine Mutter von einem Mongolen vergewaltigt wurde und das ich das Kind aus dieser Vergewaltigung bin. Mir ist buchstäblich der Bissen im Hals stecken geblieben als ich das hörte. Sie sagte noch, sie hätte es schon als Kind gewusst, ihre Mutter hätte mir ihr immer wieder darüber gesprochen. Nun wurde mir also bestätigt was ich schon immer vermutet hatte, und trotzdem war es ein Schock fȕr mich was mich immer noch belastet.

Diese Eröffnung erklärte mir nun mit einem Schlag warum meine Mutter mich mein ganzes Leben gedemütigt und erniedrigt hat, ihre Prügel die sie mir regelmässig verabreichte war die einzige Zuwendung die ich je von ihr erhielt, falls sie je Gefühle für mich hatte war sie nicht in der Lage diese zu zeigen. Seither vergeht kaum ein Tag wo ich nicht an ihre Qualen denke den mein Anblick ihr verursacht haben muss. Es kommen nun neue Fragen auf, die wohl nie beantwortet werden können, wo komme ich her, wo ist die Familie von meinem Vater, was sind es für Menschen, habe ich noch Geschwister. Ich würde gerne einen DNA Test machen lassen um meine Herkunft zu bestimmen, aber dazu brauche ich einen männlichen Verwandten von meinem Vater. Ich habe keinerlei Information über ihn, das einzige was meine Mutter aus diesem Lager mitgebracht hat ist ein altes zerfleddertes russisch/deutsches Wörterbüchlein und eine selbstgenähte Brieftasche aus hartem russischen Militärdrillich. Durch diese Umstände werde ich immer mit der Ungewissheit leben müssen, "wer bin ich, wo komme ich her", ich weiss es nicht.

Eine andere wichtige Frage die mich immer noch beschäftigt ist die, warum meine Mutter nicht aus Königsberg geflüchtet ist bei Kriegsende, sie hat sie nie beantwortet. Wenn mein Sohn und ich sie über ihre Kindheit, und ihr Leben in Königsberg , den Krieg und das Überleben danach gefragt haben und sie anfing zu erzählen wurde immer klar das sie ein ungewöhnliches Leben gelebt hat und das man es aufschreiben sollte für die Nachwelt. Erst im Jahr 1990 als sie schon über 80 Jahre alt war und nach langem Zureden war sie bereit über ihr Leben auf Kassette zu sprechen. Mein Sohn erklärte ihr wie man in ein Mikrofon spricht und die Tasten vom Aufnahmerecorder drückt und dann fing sie an zu sprechen vor einem fasziniert zuhörenden Publikum (Enkel und Tochter).

Diese zwei Kassetten habe ich gehütet wie einen Schatz. Erst im Jahre 2004 als ich in den USA lebte und auf das Savannah Technical College ging war mir die technische Möglichkeit mit einem Büro Diktatgerät gegeben, die Kassetten anzuhören und alles aufzuschreiben, es war höchste Zeit denn die Tonqualität war schon so schlecht dass man es nur mit diesem Spezialgerät hören konnte, die Kassetten hatten durch die Hitze und Feuchtigkeit gelitten.

Danach habe ich angefangen an meiner "Mutter - Tochter" Biografie mit dem Titel "Ausgestossen" zu schreiben.