Meine Geschichte (und dazu gehört auch die Geschichte meiner Mutter)

Im Juni 1958 gingen Edeltraud (Meine Mutter, genannt Edelja) und Gudrun, ihre Freundin zum Faulen See baden. Sie schwammen einmal über den See und sahen von weitem, dass sich russische Soldaten an der Badestelle befanden.

Edelja, die sich schon während ihrer Schulzeit die russische Sprache selbst beigebracht hatte, sprach die Soldaten an, dass sich die Badestelle für die russischen Soldaten woanders befand und sah, dass ihre Kleidung verschwunden war. Dann trat aus dem Gebüsch ein junger Leutnant hervor. Mein Vater. Edelja sagte, es muss ein Dummkopf sein, der die Sachen wegnimmt. Der Leutnant Nikolai gab einen Pfiff von sich und die Sachen waren wieder da. Nikolai war ganz frisch nach Schwerin gekommen. 

Wochen später, der junge Leutnant ging Edelja nicht aus dem Kopf, ging sie ins Haus der Offiziere, dort war immer Tanz. Sie schaute sich um und plötzlich ging die Tür auf, ein Ehepaar trat ein und ER.

Er stürzte sofort auf Edelja zu und tanzte mit ihr. Ja, so hat alles begonnen. Sie trafen sich abends, nachts heimlich. Edelja war 17 und Nikolai 22. Er war viel unterwegs, manchmal wartete Edelja auch vergeblich. 

Irgendwann passierte ich, auf einer grünen Wiese. Edelja merkte, dass sie schwanger ist.

Nikolai kam lange Zeit nicht zum Treffpunkt und so ging Edelja zur Kaserne und fragte nach ihm. Es wurden zwei Offiziere geholt, die sie fragten, warum sie nach ihm fragt. Dann sagte sie, dass sie schwanger ist.

Als er wieder da war und sie sich trafen, waren ihm schon die Haare geschoren und er fragte sie, warum hast du das getan?

Natürlich sollte ich nicht sein, ein junger Leutnant, der seine Karriere vor sich hatte und erst 22 Jahre alt war und ein halbes Kind Edelja. Doch es war zu spät.

Kurz danach wurden beide in die Kommandantur bestellt. Edelja wurde gefragt, was sie möchte und sie sagte, ein Foto von ihm. In weiser Voraussicht hatte Nikolai dieses schon bei sich. Es war ein Schnipselchen von Foto. (dieses ist im Laufe der Jahre verloren gegangen).

Dann wurde Nikolai versetzt.

Ich wuchs mit dem Wissen auf, mein Vater ist tot.

All meine Erinnerungen an meine Kindheit sind geprägt von einer nicht endenden Sehnsucht, von etwas Geheimnisvollem. Edelja lebte damals mit ihrer Mutter zusammen. Wir waren sehr arm. Doch als sie schwanger war, da sagte meine Oma, es ist gut, dass anderes Blut hineinkommt. Denn unser Leben bestand aus sehr viel Angst.

Edelja hat von Kindheit an die Sowjetunion und ihre Menschen geliebt und so wurden meine Schwester und ich erzogen. (Aber das ist eine andere Geschichte).

Ich habe, so lange ich denken kann, immer etwas vermisst. Als Kind weißt du nicht genau was. Andere Kinder fragten oft, du hast wohl keinen Vater?

Immer wieder war alles geheimnisvoll, keiner sprach. Ich merkte sehr bald, dass ich anders tickte. Gewisse Gefühle, Fragen, vielleicht auch Talente wurden rigoros unterdrückt. Nicht meine Mutter, die Familie, Onkel und Tante. Ich kam mir vor, wie ein Blatt im Wind. Diese Gefühle lassen sich schwer beschreiben. Wer sich an die 60er, 70er Jahre erinnern kann, kann es vielleicht verstehen.

Schulmässig hatte ich keine Nachteile. Doch in jedem Fragebogen stand, Vater unbekannt.

Meine Mutter wurde von vielen gemieden und ihre eigenen Brüder fragten sie, welcher deutsche Mann sie wohl heiraten sollte. Selbst auf der Arbeit, wenn Edelja in den Raum trat, wurde gesagt, hier riecht es aber nach Machorka. Instinktiv spürte ich diese Abneigung gegen sie.

Erst als ich 11 Jahre alt war, heiratete meine Mutter. Ich habe einen fürchterlichen Aufstand gemacht. Was hatte ich für eine Erfahrung mit Männern? Es war niemand da, der mich mal in den Arm nahm, mir sagte, ich sei sein Engel oder so etwas. Das sind Narben, die an mir klebten und kleben.

Den Mann, den sie heiratete, er war gut zu uns. Auf einmal waren wir eine Familie. Für mich fremd. Ich konnte nie Papa sagen, was aber auch niemand jemals verlangt hat. Er wusste, wer mein Vater ist und das hat ihn niemals gestört. Ich war es, die eine gewisse Nähe nicht zulassen konnte.

In der Pubertät war ich aufmüpfig und ungezogen und ich wollte nur weg. Die Schule hat mich nicht mehr interessiert und überhaupt, mir war das alles egal.

Zum Glück ist die Pubertät auch mal zu Ende.

1974 fuhren wir alle nach Leningrad, zu einer damaligen Brieffreundin meiner Mutter. Dort lernte meine Schwester ihre Tanten und Cousinen kennen, die extra nach Leningrad kamen. Ein Jahr später fuhren wir zu ihnen. Ich wurde voll akzeptiert und gehöre auch zu dieser Familie. Dann kamen die Wendungen in unseren Ländern und wir hatten Angst zu fahren.

Als ich 18 Jahre alt war und schwanger, da knallte mir meine Mutter in Wut an den Kopf, wer mein Vater sei.

Das hatte gesessen, doch langsam fing ich an, vieles zu verstehen. Warum sie jahrelang geschwiegen hat, sie wollte mich schützen.

Die Gefühle und die Liebe zum russischen Volk suchten sich nun bei mir doch den Weg an die Oberfläche.

Ich trage eine Schwermut in meinem Herzen, habe zwei Seelen und leide unter Depressionen.

Wie oft habe ich darüber nachgedacht, wie er wohl aussieht, mein Vater und ob er wohl jemals an mich gedacht hat.

Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass Edelja und Nikolai sich nach seiner Versetzung noch einmal zufällig in Schwerin auf der Straße trafen. Sie verabredeten sich an ihrem alten Treffpunkt und er bat darum, dass sie mich mitbringt. Und das tat sie und er hat mich gesehen und auf den Arm genommen. Danach haben sie sich nie wieder gesehen.

Jeder Versuch, etwas zu erfahren, war sinnlos. Die russische Armee hielt ihre Daten unter Verschluss und die Deutschen wussten gar nichts.

Ich war zwei Mal verheiratet, habe zwei Töchter. Heute weiß ich, dass ich in frühen Jahren eigentlich mehr eine Vaterfigur, als einen Partner gesucht habe. Ich fühlte mich mein Leben lang unverstanden, ungeliebt. Mit dem Alter werden wir weiser. Ich habe bis heute keine Liebe gefunden. Vielleicht bin ich kompliziert, ich weiß es nicht. Ich wollte nur einem Mann wichtig sein, so wie ich bin.

2019 flogen wir nach Russland, zu den Verwandten meiner Schwester.

Alle wollten mir helfen, meinen Vater zu finden. Und ich fühlte mich dort sehr wohl und geborgen. Es waren wunderschöne Tage. Diese Menschen sind so herzlich und liebevoll.

Leider brachte die Hilfe keine Erfolge. Ich kurvte im Internet umher, dass Youtube mir schon mitteilte, wie viel Zeit ich dort verbracht habe. Dann stieß ich auf ein Video, welches ein ehemaliger Soldat, der in der DDR gedient hat, einstellte. Ich fasste den Mut und schrieb in den öffentlichen Kommentar, dass ich meinen Vater suche. Er machte sofort einen Aufruf an alle anderen, doch leider ohne Erfolg. Trotzdem, ich habe seinen Kanal abonniert.

Dann fand ich den Verein "Russenkinder ". Ich telefonierte mit Anatoly und dann setzte ich alles in Bewegung. Dann der Tag, Post aus Podolsk. Und die Suche ging richtig los. Es gab Hoffnung und Niederlagen.

Ich habe mich drei Mal an die Sendung Schdi menja gewandt, mit der Bitte, um einen Aufruf aufgrund seines Alters. Ich habe bis heute keine Antwort erhalten.

Dann suchte ich eine Bekannte auf, sie stammt aus der Ukraine. Mein Vater war aus der Ukraine. Es ging alles sehr schnell. Auf einmal hatte ich seine Adresse und eine Schwester, die hier in Deutschland lebt.

Mein Vater ist seit 20 Jahren tot.

Meine Seele war auf einmal so ruhig, so warm. Inzwischen habe ich auch ein Foto und Antworten auf viele Fragen.

So bald es mir möglich ist, möchte ich sein Grab besuchen.

Auch von mir ein Rat und eine Bitte an alle, die noch ihren Vater suchen. Nicht aufgeben. Es ist so wichtig unsere Wurzeln zu kennen und manche Sehnsucht zu stillen.

Nun habe ich eine Schwester, ein Teil von ihm. Ich kann meine Dankbarkeit gar nicht ausdrücken. Trotz allem, hat das Schicksal es gut gemeint.

Und in mir lebt ein ganz großer Stolz.

Jahrelang war dieses Thema verpönt. Nicht für mich, ich sage voller Stolz:

mein Vater war ein russischer Offizier.

Und Edelja bin ich dankbar, dass es mich gibt und sie mir diese andere Welt Sowjetunion geöffnet hat.

Wir haben drei wunderschöne Liebesbriefe von ihm, doch ich denke, sie hatten nie eine echte Chance.