Steckbrief Marianne

 

Mutter: flüchtete im Januar 1946 mit dem Treck aus Ostpreußen übers Eis bis nach Stolpmünde, war dort bis zum September in einem Sammellager für deutsche Flüchtlinge Im Sommer 1946 lernte sie Alexander Iwanowitsch G. Kennen

seine besonderen Kennzeichen: humorvoll, freundlich, menschlich, sprach deutsch, war gebildet. Im September – sie war gerade schwanger - riet er ihr, in den Westen zu gehen, wo ihre Eltern bereits bei Verwandten untergekommen waren;

sie bekam von A. Papiere, Proviant und ein Foto mit seinen Daten auf der Rückseite.

Nach Monaten in einem Lager in Frankfurt kam sie hochschwanger bei ihren Eltern im Ruhrgebiet an, der Bauch war kaum zu sehen, für jeden Tag bis zum vermuteten Entbindungstermin hatte sie eine Walnuss gehortet

Entbindung am 9.4.47

Flüchtlingskind, evangelisch in katholischer Umgebung, arm, mein Großvater verunglückte tödlich.

Eine weise und mutige Tat meiner Mutter: sie meldete mich überall unter ihrem Witwennamen an, alle spielten mit, die Verwandten ihres verstorbenen Mannes zogen netterweise ihre Klagedrohung zurück. Ich war die Tochter einer Witwe, mein Vater war, wie viele, im Krieg gefallen. Aber niemals gab es Erzählungen über diesen Vater.

ich spürte, dass es ein Geheimnis geben musste – bei vielen Gesprächen, bei denen es um mich ging, z.B. bei der Einschulung – wurde ich rausgeschickt.

Als einmal eine Tante mit einem Foto meiner Mutter an der Seite eines Mannes ankam, fragte ich, ob das mein Vater sei, sie schaute sie mich mit entsetzten großen Augen an. Da wusste ich, dass ich niemals dieses Thema ansprechen durfte. Und vergaß.

Als ich fünf Jahre alt war, lernte meine Mutter einen Mann kennen, nach der Heirat adoptierte er mich, wir zogen um und waren eine normale Familie, ich bekam einen Bruder.

Mit etwa 12 Jahren der große Schock: ich fand im Familienbuch keinen Eintrag in der Rubrik „Kinder aus erster Ehe“, dafür auf der allerletzten Seite meinen Eintrag als uneheliches Kind mit unbekanntem Vater und dem Mädchennamen meiner Mutter.

Den Schock, das Zittern, die nahende Ohnmacht, die aufsteigenden Tränen kann ich heute noch erinnern. Aber ich durfte ja nichts sagen. Und vergaß.

Wenige Jahre später sprach ein Cousin mal das Thema Unehelichkeit an und den einzigen bekannten Fall in der Familie. „Das bist Du. Dein Vater ist ein russischer Offizier“.

Dann wagte ich, meine Mutter anzusprechen und erfuhr den Vor- und Vatersnamen meines leiblichen Vaters sowie eine sehr positive Beschreibung seines Charakters. Das von meiner Mutter vermeintlich gut versteckte Foto mit seinen Daten hatte meine schicksalspielende Großmutter gefunden und vernichtet, als ich einen Stiefvater bekam.

Daher die distanzierte Art, mit der ich von Verwandten beäugt worden war. Ich war aus der Art geschlagen: las gern, wollte zum Gymnasium- für ein Flüchtlingskind aus dem Ruhrgebiet mit der Angabe „Arbeiter“ als Beruf des Vaters sehr seltsam – von meinen 44 Mitschülern der Grundschule sollte ich als einzige das Abitur machen (das war die Zeit damals, es gab eine Reihe intelligenter Kinder in der Klasse).Ich bin meinem Patenonkel sehr dankbar, der mir Bücher schenkte, unter anderem „Die Wunderblume“, ein russisches Märchenbuch, hatte er mir aus der Zone mitgebracht.

 

Mit der Studentenbewegung gab es insgesamt ein Klima des Coming-out: ich erzählte jedem, der es hören wollte oder auch nicht, ich sei ein Russenkind, fand in Berlin noch ein anderes Mädchen, ein Mongolenkind mit grünen Augen und roten Haaren. Exotisch sah ich leider nicht aus, aber vielleicht ein bisschen anders.

Ich interessierte mich für russische Literatur, 1971 eine erste Reise nach Moskau.

1974 wollte ich meinen Vater suchen: eine mehrwöchige Reise durch verschiedene Sowjetrepubliken, von Berlin bis Jerewan, privat organisiert, per Auto mit Freunden: eine der schönsten Reisen.

Ich sehe mich heute noch in einem Park in Rostow am Don eine Gruppe dekorierter schachspielender Veteranen beäugen, legte mir mühevoll die Übersetzung zurecht von „Entschuldigung, spricht jemand deutsch, war jemand im Krieg in Deutschland, in Stolpmünde“.

Dummerweise kam ich mir doch zu lächerlich vor, hatte riesiges Herzklopfen, unterließ es. Vor drei Jahren sollte ich erfahren, dass mein Vater zu der Zeit in Rostow lebte. Vielleicht saß er in der Runde. Wäre eine wunderbare Filmszene.

Im Jahr, als ich 50 wurde, starb mein Stiefvater und meine Mutter gab mir erstmalig den Nachnamen meines Russenvaters preis.

Ich begann zu suchen: schrieb das Museum der Roten Armee in Karlshorst an, das Internationale Rotes Kreuz, das Militärarchiv in Podolsk, die Russische Botschaft, unseren Botschafter in Moskau:

fand, es sei doch eine zukunftsweisende Aktion, zusammen mit Gorbatschow die Besatzungskinder regelrecht aufzurufen, das könne die Versöhnung unserer Völker vorantreiben, ich fragte nach Historikern, die sich mit dem Thema beschäftigen, das sei doch Stoff für manche Promotion. Ich bekam eine sehr interessante Antwort: das Thema sei zu sensibel, die Zeit nicht reif, für die Russen gäbe es das Thema nicht.

Meine Google- Eingabe des Namens förderte immer nur den Verfasser eines Artikels in einer polnischen wissenschaftlichen Zeitschrift zutage, auch nicht zu gebrauchen.

Ein Freund gab mir einen Spiegelartikel über das Boltzmann-Institut in Wien, mein Schreiben erfuhr keine Antwort (es war verlorengegangen, wie sich später herausstellte).

Der arbeitslose Freund meiner Tochter, Historiker, war mein letzter Versuch. Werkvertrag: find meinen Vater!

Er hatte die Idee, mit Hilfe einen russischen Namensforschers über den Namen vielleicht den Herkunftsort ausfindig machen zu können und dann weiter zu sehen.

Die Namenssuche ergab zwei Treffer. Vater und Sohn in Minsk. Die wurden angeschrieben, die Daten meines Vaters wurden mitgeteilt. Die Reaktion kam umgehend: ja, der Vater bzw Großvater habe so geheißen, sei in Stolpmünde gewesen, ein Foto wurde gemailt. Ich druckte es aus, schickte es meiner Mutter: sie erkannte ihn.

Ich hatte also einen Halbbruder. Der schrieb einen unglaublich glücklichen berührenden Brief an seine Schwester. Ich organisierte eine Besuchsmöglichkeit (ist ganz kompliziert, immerhin lebt er im feindlichen Ausland), meine Mutter und er lernten sich kennen, er brachte Fotos und sogar einen Film von seinem (unserem) leider bereits verstorbenen Vater mit, ich besuchte die Familie in Minsk, mein Bruder und ich trafen uns bisher weitere drei Male

Er ist übrigens der Verfasser des Artikels in der polnischen Zeitschrift.

Warum war es plötzlich so schnell gegangen mit Finden? Der Nachname ist wirklich einzigartig, er ist nämlich ein ursprünglich deutscher Name. Die Mutter meines Vaters war deutsch, die Familie war fast ausgerottet worden unter Stalin. Der Vater verbarg aus Angst diese Herkunft, erst sehr spät erfuhr sein Sohn davon.

Aber dessen Geschichte ist eine eigene. Ich habe die Kopie seiner handschriftlichen Aufzeichnungen über sein Leben bis1945.